Warum diese neue Batterie nicht nur E-Autos revolutionieren würde Spitzenforscher – Prof. Dr. Dr. h.c. Markus Antonietti im Interview

veröffentlicht von Julia Hinz
Prof. Dr. Dr. h.c. Markus Antonietti, Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (Max Planck Institute of Colloids and Interfaces), Potsdam Science Park

Prof. Dr. Dr. h.c. Markus Antonietti ist Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung und der erste Europäer, der den weltweit ausgeschriebenen Forschungspreis des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC) bisher dreimal in seinem Leben erhalten hat. Einen der höchsten europäischen Forschungspreise, den Synergy Grant, hat der Ausnahmeforscher für eine nachhaltige Batterie bekommen und sich damit gemeinsam mit seinem Team gegen 440 internationale Forschungsgruppen durchgesetzt. Im Interview verrät er, warum Elektroautos gar nicht so wichtig sind und was die eigentliche gesellschaftliche Vision hinter seiner Forschung ist.

Warum haben Sie sich der Forschung verschrieben? Was ist Ihr persönlicher Antrieb?
Wissenschaft ist eine Berufung. Man nimmt ein langes Studium auf sich, weil man neugierig ist und die Rätsel der Natur lösen möchte. Als Spitzenforscher sieht man manche Rätsel als Erster – das ist eine besondere Faszination. Die Geheimnisse der Natur zu lösen, ist wie eine Sucht, eine Leidenschaft, die einen den Rest des Lebens nicht mehr loslässt.

Und welche Forschungsschwerpunkte haben Sie?
Mein Forschungsfeld ist die Kolloid- und Grenzflächenforschung, die sich mit kleinsten Teilchen beschäftigt. Ich forsche dabei im Bereich der nachhaltigen Chemie, wo mein Team und ich versuchen, technische Geräte neu zu erfinden, sodass sie nachhaltiger werden.
Zudem bin ich Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Das Institut ist Teil des Potsdam Science Park, ein Wissenschaftsstandort, der das Potenzial hat, im globalen Wettbewerb mitspielen zu können.

Haben Sie Anwendungsbeispiele, bei denen Ihre Forschungsergebnisse später einmal zum Einsatz kommen könnten?
Ein Beispiel wäre die Neuentwicklung von Batterien, für die mein Team und ich 2020 den Synergy Grants erhalten haben.

An diesem Projekt forschen Sie zusammen mit ihrem Projektpartner Patrice Simon von der Universität Toulouse und Ihrem Team. Wie kamen Sie auf dieses Forschungsprojekt?
Batterien sind außerordentlich teuer. Elektrobatterien im Auto beispielsweise kosten gut 30.000 Euro, womit die Batterie das teuerste Teil im Elektroauto ist. Das liegt daran, dass die Batterie der jetzigen Technologie nie für ein Auto gemacht war und teure Elemente wie Lithium und Kobalt enthält. Diese Elemente sind zudem politisch fragwürdig und giftig. Meine Aufgabe war es also, eine Batterie zu entwickeln, die nachhaltiger und zugleich preiswerter ist.

Was ist die Neuerung an den von Ihnen entwickelten nachhaltigen Batterien?
Wir haben es geschafft, die giftigen Metalle durch Kochsalz und Kohle zu ersetzen. Anstelle von Lithium setzten wir Natrium ein; anstelle des sehr kritischen Kobalts wird Holzkohle verwendet. Mit diesem Ansatz können wir es schaffen, eine zehnmal billigere Batterie zu entwickeln, die gleichzeitig mehr Kapazität hat und nachhaltiger ist. Eine Batterie für ein Elektroauto würde dann nur noch 3.000 Euro kosten.

Würde das, Ihrer Meinung nach, das Vorankommen der E-Mobilität in Deutschland beschleunigen?
Ja, aber die Elektromobilität an sich ist grundsätzlich überschätzt. Sie ist nicht wirklich wichtig. Die gesamte Konstruktion eines Autos ist nicht für die Elektromobilität gemacht.

In welchem Gebiet wäre der Einsatz der neuen Batterien bedeutsamer?
Ganz klar: In der täglichen Stromversorgung. Wir haben aufgrund der wissenschaftlichen Leistung in den letzten Jahren mit der Wind- und Solarenergie grünen Strom im Überfluss. Vor 20 Jahren war das noch nicht zu erwarten. Aber diese nachhaltig gewonnene Energie muss auch gespeichert werden können. Das würde gehen, wenn zum Beispiel Windräder die entsprechenden Batterien implementiert hätten oder wenn jeder Haushalt eine eigene kühlschrankgroße Batterie für den eigenen Stromverbrauch besitzen würde. Das wollen wir. Das ist die eigentliche gesellschaftliche Vision.

Können derartige Energiespeicher beziehungsweise Batterien massentauglich sein und ist das in absehbarer Zeit denkbar?
Massentauglich werden diese Batterien tatsächlich schon in drei Jahren sein. Ob sie dann auch produziert werden, liegt nicht in unserer Hand. Das ist eine politische und wirtschaftliche Frage. Hier kommt auch der Potsdam Science Park wieder ins Spiel. Wenn mehr Unternehmer vor Ort hinzukommen, könnte das auch solche Innovationsprozesse beschleunigen.

Bei all diesen komplexen Aufgaben: Wie sieht denn ein „typischer Tag“ bei einem Spitzenforscher wie Ihnen aus?
Ich starte meinen Tag um 7 Uhr im Büro, um in der Ruhe des Morgens Wichtiges zu bearbeiten. Ab ca. 9 Uhr bis nachmittags kümmere ich mich um meine Aufgaben als Direktor und bin dann mit Dingen beschäftigt, die jede Mutter, jeder Vater oder Unternehmer kennt: Man hält den Laden am Laufen. Meine Begeisterung ist die Wissenschaft, aber in der Funktion als Direktor (von lateinisch dirigere: „steuern, leiten“) zeige ich, wortwörtlich, die Richtung an. Das bedeutet konkret: fünf mal elf Stunden pro Woche Forschung, Lehre und Personalaufgaben. Abends genieße ich dann die Zeit mit meiner Familie.

Vielen Dank für das Interview.

Dieser Blog wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Landes Brandenburg finanziert.

Foto 1: Prof. Dr. Dr. h.c. Markus Antonietti © Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung