Außergewöhnliche Berufe im Potsdam Science Park – Cliff Janiszewski ist wissenschaftlicher Glasbläser

Als Material für die Wissenschaft hat Glas viele Vorteile, denn es trotzt Hitze, Kälte und den meisten Säuren, ist feuerfest, leicht zu reinigen und transparent. Seine Einsatzfähigkeit in der Wissenschaft ist daher nicht wegzudenken – besonders im Laborbetrieb. Für Lehre und Forschung müssen Glasapparaturen zudem immer wieder neu gearbeitet, adaptiert und repariert werden. Dafür ist Cliff Janiszewski als Glasapparatebauer am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung zuständig – einer der ungewöhnlichen Berufe im Potsdam Science Park.

Cliff Janiszewski dreht die Glasbläserflamme größer, indem er die Zufuhr von Sauerstoff, Erdgas und Pressluft einstellt. Hinter dem kräftigen Flammenstrahl scheinen nun kleine Funken zu entstehen, der Glaskolben beginnt zu glühen, die Glasmasse ist jetzt in etwa 820 bis 1000 °C heiß und hat in etwa die Konsistenz von flüssigem Honig erreicht. Das Glas ist auf richtiger Temperatur, um es zu bearbeiten. Cliff Janiszewski zieht es aus der Flamme, führt das kalte Ende des Röhrchens zu seinem Mund und bläst eine symmetrische schimmernde Kugel.

Als Janiszewski die Kugel ablegt, sieht man es dem Material zwar nicht mehr an, doch es ist noch immer sehr heiß. Etwa fünf Minuten dauert es, bis das Glas etwas abkühlt. Man könne sich durchaus verletzen bei seinem Beruf, erzählt Janiszewski, bei der Arbeit mit Feuer seien Verbrennungen nicht auszuschließen, ebenso könne man sich versehentlich schneiden.

Wie Cliff Janiszewski erst Möbelrestaurateur werden wollte, dann aber sein Interesse für das Glas entdeckte

In den letzten 23 Jahren habe er sich aber nicht mehr häufig verletzt, sagt er – Erfahrungswerte. So lange ist Cliff Janiszewski inzwischen als Glasapparatebauer am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung im Potsdam Science Park tätig. Er selbst finde die Bezeichnung »wissenschaftlicher Glasbläser« allerdings treffender, da sie das Handwerkliche im Dienst der Wissenschaft deutlicher hervorhebe. Ursprünglich wollte er einmal Möbelrestaurateur werden, der Weg dorthin erschien ihm jedoch lang und umständlich.

Seine Eltern arbeiteten zu dieser Zeit in einem Werk für Fernsehelektronik, in dem auch Glasbläser:innen arbeiteten, die insbesondere Senderöhren herstellten. Hier machte Cliff Janiszewski ein Praktikum, fand Gefallen an der Arbeit mit Glas und begann eine Ausbildung im Glasapparatebau an der Glasfachschule in Thüringen. Anschließend zog es ihn zunächst an die damalige Akademie der Wissenschaften in Berlin Adlershof. In den Jahren nach der Wende wurde der Beruf für einige Zeit nur noch wenig gebraucht, weshalb Janiszewski eine zweite Lehre als Zentralheizungs- und Lüftungsbauer abschloss. Kurze Zeit darauf kehrte er jedoch wieder in seinen ursprünglichen Beruf als wissenschaftlicher Glasapparatebauer zurück – nun beim Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG) in Potsdam Golm.

Die Zuarbeit für die Forschung bietet viel Abwechslung

Die glastechnische Werkstatt liefert die Zuarbeit für die Forschung. Am häufigsten werden Janiszewskis Apparaturen in der Kolloidchemie gebraucht – etwa im Nanobereich bei Prof. Markus Antonietti und im Bereich Biomolekulare Systeme von Prof. Peter H. Seeberger. Dabei steht Janiszewski oft auch beratend zur Seite, denn die Wissenschaftler:innen können oftmals nicht einschätzen, welche Apparturen mit dem Material Glas tatsächlich realisierbar sind: „Wissenschaftler:innen haben vielfältige Anforderungen an ihre Arbeitsmaterialien: Sie brauchen zum Beispiel eine Kühlung und verschiedene Sensoren, wollen gleichzeitig im Inneren etwas messen, Gas einleiten und zwischendurch ein Proberöhrchen ziehen. Das muss man dann alles in einer Glasapparatur unterkriegen“, fasst Janiszewski zusammen.

Meistens erhält Cliff Janiszewski von den Wissenschaftler:innen individuelle Zeichnungen, die ihm möglichst genau darstellen, welche Art der Apparatur man sich vorstellt. Er deutet auf eine Skizze, die an den Physikunterricht erinnert: „Das hier zeigt einen Blasenzähler. Das ist ein Aufsatz, hier ein doppelwandiges Gefäß für die Kühlung, dann will man hier von der Seite noch eine Fritte eingeschmolzen haben“. Fritten, das sind Filterplatten, die eine bestimmte Durchlässigkeit und Porosität haben, „das muss man sich vorstellen wie einen Kaffeefilter“. Nach den individuellen Wünschen der Wissenschaftler:innen am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung schmilzt er dann die gewünschten Glasapparaturen aus halbfertigen Verbindungen wie Glasrohren, meist von 1,20 m Länge und einem Durchmesser von 2 bis 120 mm, Kegeln oder eben Fritten.

Mit Feuer und Fingerspitzengefühl entstehen hochspezialisierte Glasapparaturen

Tagtäglich fertigt Janiszewski in seiner Institutswerkstatt im Potsdam Science Park hochspezialisierte Glasapparate, die für Experimente des MPIKG genutzt werden: echte Unikate, die es sonst nicht zu kaufen gibt. Als Rohstoff nutzt er dazu standardisierte Rohlinge von speziellen Glashändlern für Laborbedarf. Dabei handelt es sich um Glasröhren in allen möglichen Größen und Formen, schimmernde Glasgebilde, -kugeln und -zylinder. Das gleichmäßige und stete Drehen des Glases hinter der Flamme müsse man lange üben. In den ersten zwei Tagen seiner Lehre etwa hätten sie nur mit dem Bleistift drehen dürfen, die Flamme sei erst einmal ausgeblieben, erinnert sich der Glasbläser. Selbst wenn man mal drei bis vier Wochen im Urlaub sei, müsse man in den ersten Tagen danach erst wieder „die Leichtigkeit in den Fingern kriegen“, so Janiszewski.

Seine kleine Glasbläserei ist in Kaltbearbeitung und Heißbearbeitung unterteilt. Der Arbeitstisch ist bestückt mit einem Zenitbrenner, dessen Flamme bis zu 2000 Grad °C heiß wird und punktuell eingestellt werden kann. Gegenüber steht eine Glasbläserdrehmaschine, deren Einfassungen sich selbst drehen können. Die habe er erst seit drei Jahren, erzählt Janiszewski, und sie sei eine echte Erleichterung, denn sie drehe das Glas für ihn, sodass er die Hände für andere Werkzeuge frei habe. Die Arbeit mit dem besonderen Material setze dabei einiges an Fingerspitzengefühl voraus: „Es macht Spaß, damit zu arbeiten, man muss sich aber wirklich konzentrieren, sonst wird es nichts!“, erklärt Janiszewski.

Zu 99 % wird Glas verarbeitet – mit ein paar speziellen Ausnahmen

Diese Kreativität und Abwechslung, die seine Arbeit am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG) im Potsdam Science Park mit sich bringe und dass er damit der Grundlagenforschung dienen könne, schätze Janiszewski besonders: Mal fertige er Kleinserien von fünf bis zehn Stück, aber auch viele Einzelstücke und Reparaturen. Mal arbeite er in der Kaltbearbeitung, wo er bohre, schlitze, schneide, schleife, poliere und graviere. Mal füge er in der Heißbearbeitung Glasapparturen zusammen.

Weil sich durch die Gefügeveränderung, die Wärmemenge, die dort hereingebracht wird, und die sich veränderte Wandstärke die Spannungen im Glas verändern, müssen die Apparaturen zum Schluss entspannt werden. Boroselikatglas etwa werde dazu auf den unteren Transformationspunkt bei 530 Grad °C erhitzt, wodurch sich zwar die Oberfläche nicht verändert, aber die Spannung im Glas. Um die Spannung in einem Glas auch optisch zu erfassen, hat Janiszewski ein besonderes Gerät in seiner Werkstatt stehen. Durch den Poralisator erkennt man in einem unter Spannung stehenden Glas lilafarbene, grüne und gelbe Kreise und Ringe. Hübsch sieht das aus, ein wenig wie die Reflexionen von Sonnenlicht.

Zu 99 % verarbeitet Janiszewski in seiner Werkstatt Boroselikatglas, ein spezielles Laborglas, das Säure- und Basenbeständigkeit hat. Auch das sehr hochwertige Quarzglas kommt ab und an zum Einsatz, ganz selten nutzt er andere Materialien wie Keramik. Werkzeug wie Diamantschleif- oder Schneidscheiben sind zwar kostenintensiv, aber ein Muss in der Glasverarbeitung, da das Material so hart ist. In 23 Jahren am Institut aber bekommt der wissenschaftliche Glasbläser auch immer Mal andere Materialien zu Gesicht; einmal sogar einen fossilen Mammutstoßzahn von 1,5 m Länge. Die Knochenstruktur sollte untersucht werden, damit sie in der Abteilung Biomaterialien von Prof. Peter Fratzl künstlich nachgeahmt werden kann. Janiszewski war einer der wenigen, der mit seinem Diamantwerkzeug den extrem harten, da versteinerten Mammutstoßzahn zerschneiden konnte. Und darauf ist er schon ein bisschen stolz.