„Das Wichtigste ist: Über Ideen zu sprechen, nicht zu schweigen“ – Johannes Zier vom Startup Service der Universität Potsdam im Interview

Mit über 25 Jahren Erfahrung in der Gründungsunterstützung, allein 300 begleiteten Startups in den letzten 10 Jahren und Platz 3 im Gründungsradar 2021 gehört der Startup Service von Potsdam Transfer zu den erfolgreichsten seiner Art in ganz Deutschland. Im Interview erklärt Leiter Johannes Zier, wie er das schafft, welchen Rat er Gründer:innen aus der Wissenschaft gerne mit auf den Weg gibt und warum der Potsdam Science Park für die Gründerszene in Deutschland und darüber hinaus so wichtig ist.

Herr Zier, Sie leiten den Startup Service von Potsdam Transfer, der zentralen Institution für Wissens- und Technologietransfer der Universität Potsdam. Wie genau unterstützen Sie Gründer:innen auf ihrem Weg zum eigenen Unternehmen?

Wir verstehen uns sowohl als Inkubator als auch als Accelerator und bieten Gründer:innen und Teams, die zu uns kommen, selbstverständlich Services aus beiden Bereichen an. Das bedeutet, wir sind für Unternehmer:innen, die ihre Gründung erst noch vor sich haben, genauso da wie für Unternehmen, die diesen Schritt schon hinter sich haben und jetzt wachsen möchten. Ganz konkret helfen wir Gründer:innen, ihre Geschäftsideen zu schärfen und deren Potenzial besser einzuschätzen, sich einen Fahrplan für ihre Gründung zurecht zu legen und für sie passenden Mitstreiter:innen sowie Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten zu finden. Wir coachen sie für die tatsächliche Aufnahme des operativen Geschäfts und unterstützen sie beim Networking in und um die Startup-Szene.

Gibt es ein typisches Gründer:innen-Profil? Wer nimmt üblicherweise ihre Angebote in Anspruch?

Jede Unternehmensgründung ist etwas Besonderes, und das gilt auch für die Menschen dahinter. Wir nehmen die deutsche und internationale Startup-Szene als sehr divers war. Als Teil der Universität Potsdam sind unsere Studenten:innen natürlich eine unserer Hauptzielgruppen. Die meisten Gründer:innen, die zu uns kommen, stehen kurz vor ihrem Abschluss und wollen mit ihrer Gründung nun direkt an ihr Studium anschließen. Dabei spielt ihr Studienfach meist eine Rolle, oft genug aber auch nicht. Wir haben schon Startups aus so unterschiedlichen Bereichen wie Softwareentwicklung, Construction Tech, Cloud-Security und Fashion begleitet.

Eine besondere Position nehmen hierbei natürlich die wissensbasierten Gründungen ein. Hier unterstützen wir meist Gründer:innen, die sich gerade in ihrer Postdoc-Phase befinden und Erkenntnisse aus ihrer promotionsbezogenen Forschung nun ganz konkret in eine Geschäftsidee überführen möchten. Für den Potsdam Science Park haben wir hier schon viele Startups aus den Bereichen Biotechnologie und Ernährungswissenschaften begleitet, und auch viele, die einen starken Nachhaltigkeitsfokus aufweisen.

Bei Ihrer Arbeit kooperieren Sie mit verschiedenen Wissenschaftsstandorten in der Metropolregion, auch mit dem Potsdam Science Park. Was macht den Park aus Ihrer Sicht als Standort für Startups so attraktiv?

Zunächst einmal ist es ein rapide wachsender Standort, und dieses Momentum ist für junge Unternehmen, die schnell und langfristig skalieren möchten, sehr wichtig. Wer schnell groß werden möchte, findet im Potsdam Science Park den nötigen Platz dafür. Für wissensbasierte Gründungen spricht die enorme Wissenschaftsdichte. Wo sonst findet man gleich mehrere Fraunhofer- und Max-Planck-Institute und einen Universitätscampus direkt nebeneinander? Und auch die nötige Infrastruktur ist gegeben. Junge Unternehmen aus dem Bereich Life Science, die häufig auf Laborräumlichkeiten angewiesen sind, sind in Golm gut versorgt.

Welchen Startups können Sie besonders empfehlen, sich im Potsdam Science Park bzw. in direkter Nähe zum Campus Golm der Universität Potsdam niederzulassen?

Wie schon gesagt: Besonders attraktiv ist der Science Park in Potsdam Golm für fast alle Gründungen, die Laborinfrastruktur benötigen, aber auch für wissenschaftsnahe Dienstleistungsunternehmen. Das sind vor allem Unternehmen aus dem Bereich Life Science. Etwas spezifischer würde ich sagen: Besonders für Gründer:innen aus der Material- und speziell der Polymerforschung bzw. Biotechnologie lohnt sich ein Blick, ebenso wie für Unternehmen im Bereich Digitale Diagnostik.

Ist der Potsdam Science Park als Gründungsstandort auch international von Bedeutung?

Definitiv! Gerade für Gründer:innen mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund ist der Park durch seine vielen bekannten Gesichter aus der Forschung, wie Prof. Dr. Dr. h.c. Markus Antonietti oder Prof. Dr. Peter H. Seeberger, auch über Deutschland hinaus ein Begriff und sehr attraktiv. Und auch das besondere Flair der Metropolregion mit der Nähe zu Berlin trägt dazu bei, Wissenschaftler:innen und Startups aus der ganzen Welt anzuziehen.

Auch der Startup Service von Potsdam Transfer macht Gründer:innen aus der ganzen Welt ein Angebot. Welche Leistungen erbringen sie hier?

Hier geht es uns vor allem darum, die Zusammenstellung von Gründungsteams international zu denken und so die Chancen zu erhöhen, genau die richtigen Leute zusammen zu bringen, um ein Projekt zum Erfolg zu führen. Nehmen Sie etwa Unternehmen, die sich für ein EXIST-Gründerstipendium bewerben möchten: Solche Teams müssen interdisziplinär besetzt sein, um sich für eine Förderung zu qualifizieren. Praktisch geht es oft darum, Gründer:innen aus den Bereichen Wissenschaft, IT und BWL zusammenzubringen.

Durch unsere internationalen Startup Services verknüpfen wir angehende Unternehmer:innen aus ganz Europa und darüber hinaus. Der Pool möglicher Partner:innen wird dann für alle größer und die Auswahl besser. Übrigens kommt auch hier dem Potsdam Science Park eine wichtige Rolle zu: Wo sonst können wir auf eine solche Fülle von Wissenschaftler:innen aus der ganzen Welt zugehen und sie dafür gewinnen, mit ihren Fähigkeiten und guten Ideen in Deutschland, insbesondere in Brandenburg, zu bleiben und hier unternehmerisch erfolgreich zu sein? Speziell im Potsdam Science Park bieten wir außerdem regelmäßig eine EXIST-Sprechstunde an, bei der sich Interessierte über alle Voraussetzungen informieren können.

Ihre Bilanz kann sich sehen lassen: Über 25 Jahre Erfahrung in der Gründungsunterstützung mit allein 300 begleiteten Startups in den letzten 10 Jahren, dazu Platz 3 unter den besten Startup Services Deutschlands im Gründungsradar 2021. Auch wenn die Frage plakativ klingt: Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Ein wichtiger Faktor ist sicherlich, dass die Universität Potsdam das Thema Wissenstransfer und Unternehmensgründung sehr ernst nimmt und sich selbst auch als Gründungshochschule versteht. Seit etwa 30 Jahren gehört das Thema Gründung zu den strategischen Säulen der Universität, und das wird auch in den Strukturen sichtbar: Als Institution sind wir mit Potsdam Transfer direkt an das Präsidium der Hochschule angeschlossen. Das erlaubt uns als Startup Service, kurze Entscheidungswege zu nutzen und schnell Lösungen anzubieten, um unsere Gründer:innen konzentriert und mit Engagement zu begleiten.

Was empfehlen Sie Wissenschaftler:innen, die über den Sprung ins Unternehmertum nachdenken?

Zuerst einmal natürlich: Zu uns zu kommen! Aber Spaß beiseite – Das Wichtigste ist: Über Ideen zu sprechen, nicht zu schweigen. Finden Sie Ihre eigene Stimme, um Ihren Kollegen:innen und Freunden klar zu machen, wie Ihre Geschäftsidee die Welt ein Stück besser machen kann und dass es sich lohnt, sie auszuprobieren. Und: Versuchen Sie sich im unternehmerischen Denken. Fragen Sie sich: Gibt es für Ihre Idee einen Markt und zahlungswillige Kunden? Wenn Sie diese Fragen mit ‚Ja!‘ beantworten können, haben Sie die erste Hürde jeder Gründung schon genommen.

Herr Zier, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Dieser Blog und die Projekte der Standortmanagement Golm GmbH im Potsdam Science Park werden aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Landes Brandenburg finanziert.

Bildnachweis: Johannes Zier © Ella Selina Fischer