Die Designerin, die aus Baumrinde Jacken und Hausfassaden herstellen will – Charlett Wenig

Das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPI-KG) ist bekannt für seine herausragende interdisziplinäre Arbeit. Am Standort im Potsdam Science Park gelingen zum Teil besondere Berufslaufbahnen, wie die von Charlett Wenig. Wir zeigen die Geschichte einer Designerin, die sich aufmachte, Materialforscherin zu werden.

Vielleicht war es etwas ungewöhnlich, sich am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam-Golm mit einem Schuhkarton vorzustellen – insbesondere, wenn in dem Schuhkarton ein Haufen Tierknochen liegen sowie ein Buch zu diesem Thema. Noch ungewöhnlicher war es allerdings, dass dieser Schuhkarton einer Designerin gehörte, die sich aufgemacht hatte, um Materialien zu erforschen. Ihr Name: Charlett Wenig. Ihr Ziel: Prof. Peter Fratzl von diesem Vorhaben zu überzeugen, einem der renommiertesten Materialforscher Deutschlands. Ihr Plan ging auf: Das erste persönliche Treffen verlief positiv, Prof. Fratzl war begeistert. Und so begann ihre Karriere als Doktorandin im Gebiet der Materialforschung.

Die Entstehung der Grundidee, aus Abfällen wertvolle Materialien zu machen

Die Idee, etwas anders zu machen als viele andere Designer*innen, war ihr während des Masterstudiums in Bremen gekommen. Charlett Wenig hatte Handwerker*innen in Werkstätten besucht und interdisziplinär mit Forscherinnen und Forschern aus den Bereichen Kunst und Oper gearbeitet. „Da dachte ich: Wir müssen viel mehr mit Materialien arbeiten, auch mit denen, die übrig bleiben“, erinnert sie sich zurück. Darum hatte sie sich zunächst mit Tierknochen beschäftigt – für eine Designerin eine durchaus ungewöhnliche Wahl. Aber Charlett Wenig wollte nicht nur Materialien verstehen, sondern Abfallprodukte aufwerten und nachhaltig arbeiten.

Über die Universität Bremen hatte sie den Kontakt zu Dr. Filipe Natalio erhalten, einem Chemiker, der in Halle an der Saale forschte. „So bin ich das erste Mal im Labor gelandet“, erklärt Charlett Wenig. Weil sie sehr neugierig und fleißig war, hatte sie von Dr. Filipe Natalio die Empfehlung bekommen, sich an Prof. Peter Fratzl zu wenden, dem Direktor der Abteilung Biomaterialien des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam-Golm. Das tat sie und so kam es zu dem Treffen mit dem Schuhkarton und den Tierknochen.

Interdiszplinäres Arbeiten am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung: das Cluster Matters of Activity

Diesen Schritt zu wagen, war für die gebürtige Magdeburgerin genau die richtige Entscheidung gewesen. Denn Prof. Peter Fratzl ist einer von vier Direktoren des interdisziplinären Clusters „Matters of Activity. Image Space Material“. In diesem Cluster vereinigen sich 40 wissenschaftliche Disziplinen von der Materialwissenschaft bis hin zu Design und Geisteswissenschaften. Prof. Peter Fratzl beschreibt das Cluster so: „Das übergeordnete Ziel ist es, zu versuchen, Schnittstellen zwischen Information und Material zu verstehen“. Es ginge darum, die Grenzen von Analog und Digital zu verschieben, Informationen zu übertragen und sie zu analysieren. Für Prof. Peter Fratzl war Charlett Wenig daher eine gute Kandidatin für das Cluster: „Sie hat von sich aus ein enormes Interesse, die Dinge, die sie im Design verwendet, auch zu verstehen. Wir wollten sie unbedingt bei uns haben“, so Fratzl über die Nachwuchswissenschaftlerin.

Wie Charlett Wenig die Baumrinde als Material entdeckte

Nach ersten Gesprächen am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung merkte Wenig schnell, dass Tierknochen für ihre Vorhaben nicht mehr ausreichten. „Ich wollte unbedingt mit einem großen Material arbeiten. Tierknochen sind klein. Bäume sind groß. Also fragte ich mich: Was wird eigentlich aus Baumrinde gemacht? Diese macht schließlich zehn bis zwanzig Prozent eines Baumes aus“, erinnert sich Charlett Wenig. Ihre Ideen hatte sie dann mit Dr. Michaela Eder besprochen, Gruppenleiterin Biomaterialien am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Die Stimmung war äußerst positiv. „Da habe ich gemerkt: Die hatten richtig Lust auf das Projekt. Hier kann ich forschen und hier sind viele coole Leute, die in das Cluster involviert sind.“, so Charlett Wenig.

Forschung über Baumrinde, das Entstehen der ersten Kleidungsstücke und der Ideenwettbewerb 2020 der Jungen Akademie

Und so begann sie als Doktorandin des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung und der Technischen Universität Berlin ihre wissenschaftliche Arbeit über Baumrinde. Sie recherchierte, las Fachliteratur und kommunizierte mit Förstern in der Umgebung Potsdams. Eine Mammutaufgabe, wie sie später selbst zugeben muss: „Es gab dutzende Fragen, auf die ich zunächst keine Antwort hatte: Wo kriege ich Baumrinde her? Wer kann Baumrinde schälen? Geht das mit allen Rinden gleich gut? Wie trocknet man Rinde? Wie quillt Baumrinde? Kann man Baumrinde färben? Gibt es eine Möglichkeit, Baumrinde als Material flexibel zu machen?“. Unterstützung bekam sie stets durch die Betreuerin ihres Promotionsstudiums, Dr. Michaela Eders vom MPI-KG.

Nach einiger Zeit der Forschung sprach sie mit ihrer Freundin Johanna Hehemeyer-Cürten über ihre wissenschaftliche Arbeit. Johanna Hehemeyer-Cürten ist Masterstudentin im Fachbereich Mode an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee und hatte direkt einige Ideen, zum Beispiel, die Baumrinde zu weben. „Jeans bestehen aus einem Stoff, der an sich nicht flexibel ist. Erst die Webart macht den Stoff flexibel. Genau das haben wir auch mit der Baumrinde gemacht und die erste Jacke gewebt, die dann auch unterschiedliche Leute anziehen konnten“, erläutert Charlett Wenig die Zusammenarbeit. Nach vielen Arbeitsstunden entstand dann sogar eine eigene kleine Kollektion von Stoffen aus Baumrinde. Der Höhepunkt war dann der zweite Preis beim Ideenwettbewerb 2020 der Jungen Akademie in der Kategorie „Visions“. „Es hat uns ungemein gefreut, dass die Mischung aus Design und Wissenschaft gut angekommen ist“, so Charlett Wenig.

Der Potsdam Science Park – ein Forschungsstandort, der pulsiert

Für das, was Charlett Wenig erforscht, ist der Potsdam Science Park aus Sicht von Prof. Peter Fratzl ein hervorragender Standort: „Wissenschaft profitiert heute von der Konzentration von sehr spezialisierten Leuten an einem Ort. Das haben wir hier am Potsdam Science Park, denn er ist durch die direkte Nachbarschaft zu Berlin und Brandenburg sehr international, wir können hier sehr gut interdisziplinär arbeiten“, so der Direktor der Abteilung Biomaterialien des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung. „Ein Forschungsstandort muss pulsieren: Es braucht Grundlagenforschung, angewandte Forschung, Firmengründungen – und alles an einem Standort. In Potsdam-Golm gibt es das, und das ist wirklich toll“, so Prof. Peter Fratzl weiter.

Auch Charlett Wenig hat von dieser Atmosphäre profitiert. 2021, nach rund vier Jahren Forschung, will sie dann ihre Doktorarbeit zur Baumrinde abgeschlossen haben. Für ihre Zukunft hat sie bereits einige Pläne: „Ich würde gerne in die Lehre gehen und die Forschungsbereiche Materialforschung und Design miteinander verbinden. Hier sehe ich noch Potenzial, denn Designer und Designerinnen sollten verstehen, woraus das Material besteht, das sie formen. Und ich würde gerne Baumrinde als Material für die Architektur einsetzen, zum Beispiel an Hausfassaden“. Wie auch immer ihre Karriere weitergeht: Ihre bisherigen Erfolge und den Mut, neue Wege gegangen zu sein, kann ihr keiner mehr nehmen.

Dieser Blog wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Landes Brandenburg finanziert.

Foto 1: Charlett Wenig © Charlett Wenig
Foto 2: Prof. Fratzl © Max-Planck-Institut für Kolloid-und Grenzflächenforschung / Martin Jehnichen
Foto 3: Jacke aus Holz © Max-Planck-Institut für Kolloid-und Grenzflächenforschung / Patrick Walter

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