Ein positiver Beitrag für die Umwelt – Dr. Hannes Hinneburg kreiert nachhaltige Materialien aus Pilzmyzel

Am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung im Potsdam Science Park entwickelt Dr. Hannes Hinneburg nachhaltige Materialien aus Pilzmyzel – und könnte damit in Zukunft die Märkte für Leder und Textilien sowie Dämmmaterialien verändern.

Gefragt, warum er sich für seine Stelle am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP entschieden hat, erklärt Dr. Hannes Hinneburg, dass er von der Grundlagenforschung in eine praxisorientierte und anwendungsnahe Arbeitsumgebung wechseln wollte. Zusätzlich bot ihm das Fraunhofer IAP die Möglichkeit, seine Leidenschaft für das Züchten von Pilzen mit der Entwicklung neuer, nachhaltiger Materialien und Produkte zu verbinden. Sich selbst und die Welt um sich in Bewegung zu halten, ist ihm wichtig: Beim jährlichen Potsdamer »STADTRADELN« ist der passionierte Fahrradfahrer ein wertvolles Mitglied in der Gruppe des Fraunhofer IAP im Team »Potsdam Science Park«. Und auch mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit dürfte er künftig in der Industrie einiges bewegen: Hannes Hinneburg entwickelt nachhaltige Materialien – aus Pilzen.

Komposite aus Pilzmyzel

Dabei befasst er sich nicht mit dem, was wir umgangssprachlich gemeinhin als »Pilz« bezeichnen, dem Fruchtkörper aus Stiel und dem darauf sitzenden Hut. Hinneburg interessiert sich für das darunterliegende, wurzelartige und häufig verborgen bleibende Geflecht aus Fäden, das sogenannte Myzel. Dieses durchdringt seine Umgebung, umklammert dabei Nährstoffe und erkundet Stück für Stück das angrenzende Umfeld. Auf Basis solcher Myzelien arbeitet er an der Herstellung neuartiger Materialien, die in Zukunft etwa in der Dämmung oder Textilherstellung zum Einsatz kommen könnten.

Was ungewöhnlich klingt, ist, wie der junge Wissenschaftler versichert, dabei ganz einfach: »Um Pilzmyzel zu züchten, braucht man nicht viel.« Letztlich benötige man nur das für die jeweilige Pilzart richtige Substrat, also einen Nährstoff auf oder in dem diese leben und gedeihen kann. Hinneburg selbst arbeitet mit verschiedenen Baumpilzarten und einem Nährboden aus Sägespänen oder Hackschnitzeln. Für das Anzüchten reicht ihm eine kleine Pilzkultur, etwa in einem Kolben. Später überführt er die Myzelien in größere Behälter, die in Klimaschränken gelagert werden. Um Materialien aus Pilzmyzel herzustellen, braucht man Geduld. »Unter den richtigen Bedingungen wächst ein Myzelgeflecht innerhalb von zwei bis drei Wochen.«, so Hinneburg. In dieser Zeit verwachse der Pilz mit seinem Substrat zu einem neuen Komposit. Das Myzel funktioniere dabei wie ein langsam abbindender biologischer Kleber, der alles zusammenhält.

Von Verpackungsmaterial bis zur nachhaltigen Mode

Ein großer Vorteil von Pilzmyzel ist laut Hannes Hinneburg auch seine Vielseitigkeit. Von voluminösen Blöcken, die etwa als Dämmmaterial verwendet werden können, bis hin zu dünnen, textilähnlichen Schichten, sei praktisch alles möglich.

Entsprechend breit gefächert sind die Kooperationen, die Hinneburg eingeht. Mit dem Institut für Lebensmittel- und Umweltforschung e. V. und der Agro Saarmund e. G. etwa kreiert er aus Rest- und Rohstoffen der lokalen Land- und Forstwirtschaft (wie Holz, Stroh oder Grünschnitt) und der Hilfe von Baumpilzen nachhaltige Verpackungsmaterialien. Und einer Berliner Designerin liefert der Forscher des Potsdamer Fraunhofer IAP das Rohmaterial für eine Reihe tierfreier Alternativen zu gängigen Lederprodukten wie Taschen und Portemonnaies oder Handschuhen.

Auf der Suche nach den richtigen Parametern

Komplizierter sei es, Komposite mit ganz bestimmten Materialeigenschaften herzustellen, wenn diese etwa besonders fest oder biegsam sein sollen. Er nennt ein Beispiel aus der Modewelt: »Um etwa eine tierfreie Variante von Lederschuhen zu produzieren, braucht es ein sehr festes, strapazierfähiges und wasserundurchlässiges Material. Diese Eigenschaften sind mit Myzel-Kompositen bisher schwer zu erreichen. Hier beginnt das eigentliche Experimentieren.« Zunächst komme es auf die richtige Kombination aus Pilz und Substrat an. Danach gehe es darum, dem Myzel Bedingungen zu bieten, die es brauche, damit das fertige Komposit die gewünschten Eigenschaften entwickle. Dazu variiert Hinneburg die Parameter, denen er seine Pilze aussetzt, wie die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit oder auch die Sauerstoffmenge.

Bei seinen Kooperationen ist ihm die Nachhaltigkeit der von ihm entwickelten Materialien wichtig. »Natürlich könnten Myzel-basierte Komposite schon heute einige der gewünschten Eigenschaften aufweisen. Dafür müssten wir jedoch einige chemische Hilfsmittel zur Hand nehmen. Der Grundgedanke, ein hundert Prozent nachhaltiges Material bereitzustellen, das biologisch abbaubar ist und die Umwelt schont, ginge verloren.« Das möchte Hannes Hinneburg verhindern. Er setzt darauf, dass es nur die passende Kombination aus Pilz, Substrat und Parametern braucht, um das richtige Komposit für den richtigen Zweck zu kreieren. »Ich will dieses Material unbedingt auf den Markt bringen«, bekräftigt er: »Es ist an der Zeit, dass deutlich mehr Produkte auf den Markt kommen, die einen positiven Beitrag für unsere Umwelt leisten. Das Potenzial von Pilzmaterialien, ist hier enorm!«

Optimale Bedingungen für Start-ups aus der Spitzenforschung

Ob er seine Forschung auch in eine eigene Unternehmensgründung überführen wird, hält Hinneburg sich offen. Allerdings betont er die günstigen Bedingungen, die der Potsdam Science Park ihm hierfür bieten würde: »Der Wissenschaftspark bietet forschungsnahen Startups die Möglichkeit, klein anzufangen und natürlich zu wachsen, wenn etwa ihr Bedarf an Laborflächen steigt.« Bis es so weit ist, möchte er weiter forschen, seine Materialien verbessern und Möglichkeiten entwickeln, die Zucht von Myzelien zu automatisieren. In der Zwischenzeit wird er wohl noch einige Myzelien in Ruhe wachsen lassen. Zeit genug für eine weitere Teilnahme am nächsten Potsdamer »STADTRADELN«? Seine Kolleg:innen im Potsdam Science Park dürften sich freuen, ihn auch in diesem Jahr in ihrem Team zu wissen. Auch Hannes Hinneburg scheint zuversichtlich, dass ihm für solche Aktivitäten weiter die Zeit bleiben wird. Letztlich, erklärt er, brauche man auch bei der Entwicklung eines Produkts vor allem: Geduld.

 

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