„Wir benötigen Talente von Weltformat“ – Interview mit Dr. Sven Sewitz, Head of Biodata Innovation bei Eagle Genomics

Forschung und Wirtschaft im Bereich der Biologie stehen vor der immensen Herausforderung, gewaltige Datenmengen zu analysieren und auszuwerten. Das Unternehmen Eagle Genomics ist angetreten, um diese Komplexität mit Hilfe von Network Science und Künstlicher Intelligenz beherrschbar zu machen. 2021 eröffnet das Unternehmen seinen ersten deutschen Standort im Potsdam Science Park. Ein Gespräch mit Dr. Sven Sewitz, Head of Biodata Innovation bei Eagle Genomics.

Herr Sewitz, Sie sind Head of Biodata Innovation bei Eagle Genomics und wollen ein neues Büro in Deutschland eröffnen. Wann wird es denn soweit sein?
Eigentlich wollten wir unseren Standort schon am 1. Januar eröffnet haben. Durch die Coronakrise mussten wir den Termin um ein paar Monate nach hinten verschieben. Wir hoffen nun, dass es Mitte März nun soweit sein wird. Ich bin mit meiner Familie bereits seit Herbst 2020 hier, um unseren Standort in Deutschland aufzubauen.

Wie würden Sie einer Person, der nicht im Bereich Biotechnologie arbeitet, das Geschäftsmodell von Eagle Genomics erklären?
Wir leben in einem Zeitalter der Daten. Wir sammeln Unmengen davon und stehen vor der immensen Herausforderung, diese Daten zu verarbeiten. Die Datenflut und Komplexität der Daten ist inzwischen kaum noch ohne Data Science und Network Science zu bändigen. Das gilt auch für den Bereich der Biologie. Beispiel: Rein rechnerisch gibt es im menschlichen Darm mehr theoretische Interaktions-Möglichkeiten zwischen Bakterien, als es Atome im Universum gibt. Und wir hatten den Eindruck, dass traditionelle Methoden der Bioinformatik recht schnell an ihre Grenzen stoßen, wenn man aus 1000-dimensionalen Datensätzen klare Aussagen treffen möchte, die auch noch gesundheitsrelevant sind.

Und wie schafft es Eagle Genomics, diese gewaltigen Datenmengen zu verarbeiten?
Was wir anbieten, ist eine Plattform mit dem Namen e[datascientist]. Sie erlaubt es, über eine Benutzeroberfläche Verbindungen zwischen Daten zu visualisieren, kontext-spezifisch zu bewerten und zu erkunden. Diese Plattform ist für viele unseren Großkunden ein strategischer Bestandteil der ‚Digital Transformation‘.
Dabei liegt unser Schwerpunkt auf Mikroorganismen. Über unsere Plattform werden zum Beispiel metagenomische Daten von großen Ansammlungen von Bakterien verarbeitet, die sich im menschlichen Darm, auf der Haut oder im Ackerboden befinden. Was wir mit unserer Plattform erreichen, ist, den Innovationsprozess zu systematisieren und um ein Vielfaches zu erleichtern und zu beschleunigen.

Was bedeutet das konkret? Wie können wir uns die Plattform vorstellen?
Um es ganz einfach ausdrücken: Unsere Plattform schafft es mit Hilfe künstlicher Intelligenz, diese großen Datenmenge vorab zu analysieren und Zusammenhänge herzustellen. Das macht die Auswertung für unsere Kunden sehr viel leichter. Unsere Kunden können beispielsweise im „Exploration Module“ Daten und deren Zusammenhänge erkunden, ohne eine eigene „Graph Query Language“, also eine Sprache zum Durchsuchen von Datenbanken, beherrschen zu müssen. Sie können dann zum Beispiel innerhalb weniger Sekunden sehen, welche Gene sich in welchen biologischen Pfaden befinden, welche Reaktionen von diesen Pfaden katalysiert und welche Metabolite verbraucht oder hergestellt werden. Diese „Data exploration“ kann man in jedwede Richtung vollziehen und auch in verschiedene Richtungen abzweigen. So kann man sich zum Beispiel auch Krankheiten anzeigen lassen, die mit diesen Genen in Verbindung stehen, um von dort aus die Suche mit wenigen Mausklicks weiter zu verfolgen.

Welcher Ansatz steht hinter der Plattform?
Wir bauen unsere Plattform auf modernen Graph-Databases auf, bei denen man nicht nur vorhandene Verbindungen erkunden kann, sondern zunehmend auch neue Verbindungen mittels „Graph inference“ erlernen kann. Hier spielt die KI eine große Rolle, um aus den vorhandenen Daten neue Schlüsse ziehen zu können, die vorher und mit bloßem Auge nicht ersichtlich sind.

Im März wollen Sie nun Ihren ersten deutschen Standort im Potsdam Science Park beziehen. Warum wollten Sie genau hier Ihr Büro eröffnen?
Potsdam und Berlin sind in Europa bekannt als Städte, die an vorderster Front Innovationen im Bereich der Digitalisierung vorantreiben. Ich denke da insbesondere an das Hasso-Plattner-Institut, aber auch an das Deutsche Institut für Ernährungsforschung, die Charité in Berlin, und natürlich insbesondere die Fraunhofer-Gesellschaft und die Forschungsgruppen und Unternehmen, die sich im Potsdam Science Park angesiedelt haben. Gleichzeitig ist die große Life-Science-Industrie in Berlin stark vertreten, und es herrscht eine sehr internationale Startup-Kultur.

Alle diese Aspekte sind uns wichtig, da wir ein wachsendes Unternehmen sind. Wir benötigen Talente von Weltformat. Und wir wollen, dass unsere Mitarbeiter*innen in einer spannenden und inspirierenden Umgebung arbeiten. Potsdam hat hier die ideale Mischung aus Nähe zu einer Weltstadt, erstklassiger Forschung und hoher Lebensqualität. Wir sehen da durchaus Parallelen zu Cambridge, wo unser Unternehmen gegründet wurde und wo ich mehr als zehn Jahre in der Forschung tätig war.

Einen neuen Standort während der Corona-Pandemie zu eröffnen, ist gewagt. Warum ist das Unternehmen dieses Risiko eingegangen?
Das hatte mehrere Gründe. Als erstes wollen wir unseren Kundenstamm auf dem europäischen Kontinent erweitern. Selbst in Corona-Zeiten ist es besser, wenn man vor Ort ist und sich mit Mitarbeiter*innen umgibt, die den hiesigen Markt besser kennen. Zweitens ist die Lage in Großbritannien durchaus ungewiss, was die Regularien nach dem Brexit angeht. Wir hoffen selbstverständlich, dass die Politik bald alle Unklarheiten beseitigen kann, aber wir sehen auch, dass dieses eine Weile dauern kann.

Was erhofft sich Eagle Genomics von diesem neuen Standort in einem neuen Land?
Wir kommen mit hohen Erwartungen, aber auch mit großer Freude nach Deutschland. Ich habe die vergangenen zwanzig Jahre in England verbracht, und komme nun mit offenen Augen und großem Elan wieder nach Deutschland zurück. Die Innovationslandschaft ist hier sehr aktiv, und wir wollen ein aktiver Teilnehmer darin sein. Es geht uns sowohl um wirtschaftliche Aspekte, aber ebenso stark um neue Kontakte in die Forschung. Wir glauben fest, dass sich im Spannungsfeld zwischen Spitzenforschung, innovativen Anwendungen und einem expandierenden Markt eine sehr spannende Zukunft schmieden lässt.

Vielen Dank für das Interview.

Dieser Blog wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Landes Brandenburg finanziert.

Foto 1: Dr. Sven Sewitz © Eagle Genomics