„Wir müssen teilweise Firmen wegschicken, weil die Nachfrage aktuell größer ist als das Angebot“ – Interview mit Agnes von Matuschka

Agnes von Matuschka ist seit drei Jahren Geschäftsführerin des Standortmanagements Golm im Potsdam Science Park. Ein Gespräch über die Entwicklungen und große Zukunftspläne im Potsdam Science Park.

Frau von Matuschka, seit Januar 2018 sind Sie am Potsdam Science Park. Erinnern Sie sich noch an die Eindrücke an Ihrem ersten Arbeitstag?

Ja, ich erinnere mich noch gut. Ich habe mich über die gute Anbindung mit dem Regionalexpress von Berlin gefreut. Dann bin ich über wunderschöne Wiesenlandschaften in das neue Büro gelaufen. Der Standort wirkte auf mich sehr modern und sehr international, denn überall wurde Englisch gesprochen. Auf der anderen Seite war er auch unbelebt, denn es fehlten und fehlen Aufenthaltsorte wie Cafés oder ein kleiner Zeitungskiosk. Auch die Infrastruktur, wie Wege und Fahrradstrecken waren nicht optimal. Ich wusste: Hier gibt es einiges anzupacken.

Sie sind mit ambitionierten Plänen gestartet. Rund zweieinhalb Jahre später hat das Coronavirus unser Leben komplett auf den Kopf gestellt. Inwieweit mussten Sie Ihre Pläne und Visionen anpassen?

Die Vision ist uneingeschränkt vorhanden. Wir lassen uns da von Corona nicht beirren. Alle Beteiligten arbeiten weiter daran, den Potsdam Science Park zum Innovations- und Business-Standort für Life Science und Biotechnologie auszubauen. Jede*r, der oder die nach der Pandemie wieder an den Standort kommt, wird einige der Straßenzüge nicht wiedererkennen. Zwei neue Laborgebäude für Unternehmen sind neu entstanden, die Universität ist mit dem Campus Golm weitergewachsen und neue Straßen für die Erschließung des Technology Campus sind gebaut. Die Pandemie hat uns auch gezwungen, umzudenken und gemeinsam nach neuen Lösungen zu suchen. Sei es die Konferenzen und Veranstaltungen, die online stattfinden, unsere monatliche virtuelle Standortführung oder auch die gute Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam bei der Einrichtung eines mobilen COVID Schnelltestzentrums. Obwohl man sich nicht mehr vor Ort sieht, ist der Zusammenhalt gewachsen und die Arbeit muss ja weiter gehen.

Aktuell sind das Campus-Leben und der private Austausch quasi zum Erliegen gekommen. Viele Menschen arbeiten von zu Hause aus. Ist durch die Pandemie die Nachfrage nach Büroflächen gesunken?

Tatsächlich hatte die Pandemie fast keinen Einfluss auf die Nachfrage nach Miet- oder Gewerbeflächen im Potsdam Science Park, wie Labore in Kombination mit Büros oder Flächen für forschungsnahe Unternehmen. Da war die Nachfrage auch in den letzten eineinhalb Jahren konstant vorhanden. Es ist sogar so, dass durch die Pandemie mehr Geld in die Forschung im Gesundheitssektor investiert wird. Das befördert die Nachfrage nach Laborräumen. Im Innovations- und Gründerzentrum GO:IN, in dem auch das Standortmanagement des Potsdam Science Park seinen Sitz hat, herrscht nach wie vor viel Leben, denn ein Labor kann man nicht zu Hause betreiben. Hier war es natürlich eine Herausforderung, die pandemiebedingten Auflagen so umzusetzen, dass alle gesund bleiben.

Seit Ihrem Amtsantritt sind drei Jahre vergangen. Wie lautet Ihr Zwischenfazit? Worauf sind Sie stolz und was wünschen Sie sich noch für die Zukunft?

Es hat sich sehr viel getan und viel ist aktuell in Bewegung. Der Park hat sich vom Wissenschaftspark Golm zum Potsdam Science Park mit einer internationalen Corporate Identity entwickelt. Die Social Media-Follower wachsen stetig und das Interesse und die Aufmerksamkeit für den Science Park steigen. Auch die neue Webseite wird gut besucht. Wir bieten neue Formate zur Sensibilisierung von Gründer*innen an und vernetzen die gründungsinteressierten Wissenschaftler*innen miteinander. Gemeinsam mit unseren Partnern, der Wirtschaftsförderung Brandenburg und der Universität Potsdam schaffen wir ein attraktives Ökosystem für Startups aus der Wissenschaft. Unser Startup Space im GO:IN wurde vor zwei Jahren eröffnet und ist voll belegt. Wir müssen teilweise Firmen wegschicken, weil die Nachfrage aktuell größer ist als das Angebot. Um Innovationen und den Austausch mit den Anrainern und dem Ort Golm weiter zu befördern, wünschen wir uns ein neues Haus direkt hier am Bahnhof Golm, wo sich alle Interessierten treffen und austauschen können, wo gemeinsam gearbeitet werden kann und auch Ausstellungen über Gründer*innen und Prototypen zu sehen sein können.

Was macht für Sie die Attraktivität des Potsdam Science Parks vor allem aus?

Wir unterstützen Neuankömmlinge im Science Park auf vielfältige Art und Weise, beispielsweise mit unserem Welcome Service. So können wir bei der Wohnungssuche vermitteln und bieten Sprachkurse in Deutsch und Englisch. Wir haben zudem Informationen zu Kooperationsmöglichkeiten- und nutzbaren Ressourcen der Anrainer in unserm Service and Research Guide zusammengeführt. Für Unternehmen haben wir zudem eine Ansiedlungssprechstunde im Angebot. Interessent*innen und neue Unternehmen holen wir bestens ab und versuchen ein sog. Soft Landing. Das kommt sehr gut an und damit können wir Unternehmen und Fachkräfte anziehen und binden.

Für die Technische Universität Berlin haben Sie den Career Service und die Gründungsförderung aufgebaut und über 100 Startups im technischen Bereich fit für den Markt gemacht. Was sind Ihre Pläne, um mehr Gründerinnen und Gründer in den Potsdam Science Park nach Potsdam-Golm zu holen?

Da setzen wir auf klassische Instrumente, die sich schon während meiner Zeit an der TU Berlin bewährt haben. Dazu gehört es, Weiterbildungsangebote und Räume für den Austausch zu schaffen, in welchen Gleichgesinnte aufeinandertreffen und an Ideen arbeiten. Seminare öffnen wir für alle Teilnehmer*innen am Standort, egal ob Absolvent*innen oder Wissenschaftler*innen aus dem Ausland mit Gründungsideen. Das Angebot reicht von klassischen Gründungsthemen wie Finanzierung oder Prototypenentwicklung bis zu Fragestellungen wie beispielsweise: “Wie stelle ich ein Team zusammen?” Wir können hier dank unserer Partner auch erfahrene Coaches aus den unterschiedlichen Branchen vermitteln, die sehr erfolgreich sind. Es gibt Fördersprechstunden und wir vernetzen mit Expert*innen der Universität, zu Fördermitteln durch das EXIST-Programm.

Warum sollten Gründer*innen ihr Unternehmen im Potsdam Science Park aufbauen und nicht anderswo?

Wir richten uns vor allem an Unternehmen und Gründer*innen aus den Bereichen Life Science, Optik, Chemie, Physik und Digitalisierung, Informatik und Mathematik. Für diese Zielgruppen gibt es sehr viele Vorteile, in Potsdam-Golm zu gründen: Sie finden ausgestattete Büroräume, Labore mit Luftfilteranlagen und die gesamte Infrastruktur, um Geräte einzubauen. Es gibt ein hervorragendes Netzwerk zum Austausch mit anderen Firmen und sie haben zudem Zugang zu Forschungseinrichtungen und dem Gründernetzwerk Potsdam. Gründer*innen treffen hier also auf eine Community, die ihnen hilft, besser und schneller zu wachsen. Nicht ohne Grund belegt die Universität Potsdam den 3. Platz beim deutschlandweiten Gründerranking „Gründerradar“.

Haben Sie als Geschäftsführerin ein besonderes Herzensanliegen für die nächsten Jahre?

Ja, ich möchte den Potsdam Science Park gerne zu einem Business und Innovationspark weiterentwickeln. Die Forschung ist das Fundament des Science Parks und bringt viele neue Ideen und Produkte hervor. Wir wollen diesen Ideen und Ausgründungen Entwicklungsmöglichkeiten geben, weitere Start-ups anziehen und Mittelständische Firmen an den Standort ziehen.

Gibt es einen Punkt, wo Sie noch nicht ganz zufrieden sind?

Es gibt zwei Punkte, die mir wichtig sind. Zum einen die Verkehrsanbindung und zum anderen wünschen wir uns ein neues belebtes Zentrum für den Science Park und Golm. 86 Prozent der internationalen Wissenschaftler*innen aus kommen mit der Regionalbahn nach Potsdam-Golm. Hier setzen wir uns dafür ein, dass die durchgehende Verkehrsanbindung nach Berlin auch in die Abendstunden und über den ganzen Tag hin ausgeweitet wird. Nicht schnell genug kann uns auch der Prozess gehen, um den Bahnhof weitere Gebäude mit Cafés und Läden zu sehen. Hierfür erarbeitet die Landeshauptstadt Potsdam einen Rahmenplan, sodass wir hoffen, dass in 5 Jahren ersten Geschäfte am Bahnhof eröffnen. Was uns freut ist die direkte Anbindung Golms an den neuen Flughafen BER.

Sie haben in Hohenheim, Stuttgart und Berlin studiert und hatten Auslandsaufenthalte in den USA und Großbritannien. Was ist aus Ihrer persönlichen Erfahrung das ganz Besondere am Potsdam Science Park?

Für mich ist die Kulturlandschaft in Potsdam-Golm wirklich einzigartig. Ich bin leidenschaftliche Radfahrerin. Wenn ich nach einem Termin in der Potsdam Innenstadt durch den Park Sanssouci die Lindenallee entlang nach Potsdam-Golm herausfahre, an blühenden Wiesen vorbei, ist das einfach nur wunderschön. Und ich bin überzeugt, dass dieses Umfeld auch die Wissenschaft beflügelt. Die Institute haben weite Blumenwiesen und Weidefläche um und hinter den Gebäuden und Studierende kultivieren einen eigenen Garten. Man hat wenig Ablenkung und kann sich voll auf die Wissenschaft oder das Gründen konzentrieren. Es gibt hier ein sehr unterstützendes Umfeld und viel Kooperationsfreude untereinander. Eine ganz besondere Atmosphäre, die wir hier haben.

Frau von Matuschka, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Dieser Blog und die Projekte der Standortmanagement Golm GmbH im Potsdam Science Park werden aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Landes Brandenburg finanziert.