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Dr. Rhea Machado ©sevens+maltry/Adam Sevens

3 Fragen an Porelio: »Viele namhafte Unternehmen sind sehr daran interessiert, unser Material auszuprobieren«

Über Industrieabwässer gehen wertvolle Edelmetalle verloren – und schädliche »Ewigkeits-Chemikalien« können in die Umwelt gelangen. Das Startup Porelio unterstützt Unternehmen dabei, beides zu verhindern. Mitgründerin und Geschäftsführerin Dr. Rhea Machado über ein innovatives Filtermaterial, das Porelio erstmals kostengünstig und im Industriemaßstab herstellen kann.

Frau Machado, was leistet das von Porelio entwickelte FOMS-Material?

Für unsere Kunden ist die Rückgewinnung von Edelmetallen besonders wichtig. Palladium oder Rhodium sind sehr wertvoll, gehen aber in gelöster Form im Abwasser verloren – und mit den aktuell verfügbaren Technologien lassen sie sich nicht kosteneffizient herausfiltern. Genau diese Schätze heben wir: Unser Material bindet die gelösten Metalle gezielt und holt sie aus dem Abwasser zurück. Die Industrie hat daran ein großes Interesse. Die Rückgewinnung ist außerdem ein wichtiger Baustein für die Kreislaufwirtschaft und für die Resilienz der EU, die damit unabhängiger von Importen werden kann.

Der zweite wichtige Anwendungsfall sind PFAS, so genannte »Ewigkeits-Chemikalien«. Viele Filtermaterialien wie Aktivkohle oder Ionenaustauscher-Harze können langkettige PFAS sehr gut entfernen, aber je kurzkettiger die Moleküle werden, desto schwieriger ist es. Da kommen wir ebenfalls ins Spiel: Mit unserem FOMS-Material machen wir die letzte Politur und entfernen auch die kleinsten PFAS-Moleküle. Weltweit sind Grundwasser und Trinkwasser mit PFAS belastet, und die Konzentrationen steigen. PFAS sind zwar sehr wichtig für die Industrie, weil sie unter anderem fettabweisend, wasserabweisend und hitzebeständig sind, und mit anderen Chemikalien nicht so schnell reagieren. Doch sie sind schwer abzubauen und schon in geringer Konzentration gesundheitsschädlich. An Hotspots, wo sehr viel PFAS in die Umwelt gelangt sind, ist die Krebsrate erhöht. Langfristig können auch Fortpflanzungsprobleme oder Geburtsschäden die Folge sein. Das müssen wir als Gesellschaft verhindern. Unser Ziel ist es, Industrieabwässer so aufzureinigen, dass keine der 5.000 unterschiedlichen PFAS-Moleküle mehr in unseren Gewässern landen.

Der regulatorische Druck kommt hinzu: In der EU gelten ab nächstem Jahr schärfere Regeln, Unternehmen müssen künftig 80 Prozent der Kosten tragen, wenn sie die Umwelt mit PFAS belasten und diese entfernt werden müssen. Die Industrie sucht daher mit großem Druck nach Lösungen. Viele namhafte Unternehmen sind sehr daran interessiert, unser Material auszuprobieren – für beide Anwendungen.

Wie schafft es das FOMS-Material, gelöste Edelmetalle und PFAS so gezielt zu binden und wie kann daraus ein Verfahren im Industriemaßstab werden?

FOMS steht für – und jetzt wird’s lang – funktionalisierte, geordnete, mesoporöse Silikate. Silikate sind zum Beispiel in den kleinen Beuteln, die neuen Produkten beiliegen, um Feuchtigkeit zu binden. Unser Material besteht aus dem gleichen Grundgerüst, hat aber geordnete Poren wie bei einer Bienenwabe, die auf beiden Seiten offen sind. Dadurch fließt Flüssigkeit etwa sechs Mal schneller hindurch als bei ungeordneten Porenstrukturen, die man sich wie bei einem Schwamm vorstellen kann. »Funktionalisiert« ist das Material, weil es eine Oberfläche hat, die wir so designen können, dass sie bestimmte Moleküle nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip bindet. Ich beschreibe das oft wie die Tentakel einer Koralle, die nur eine bestimmte Sorte Fische fangen. Ein einzelnes Gramm unseres Materials hat aufgrund dieser Tentakel die unvorstellbare Oberfläche von 400 bis 800 Quadratmetern und kann entsprechend viele Moleküle binden.

Damit können wir unseren Kunden eine Plattformlösung anbieten, die wir auf viele unterschiedliche Zielmoleküle anpassen können: auf Edelmetalle wie Palladium oder Rhodium genauso wie auf die verschiedenen PFAS-Verbindungen. Für jedes Zielmolekül gestalten wir die Oberfläche neu – das Grundgerüst und das Herstellverfahren bleiben die gleichen.

Bisher konnte unser FOMS-Material nicht in ausreichenden Mengen und günstig genug hergestellt werden. Unsere Innovation liegt darin, dass wir an der Technischen Universität Berlin ein neues Syntheseverfahren entwickelt haben: Wir können das FOMS-Material jetzt innerhalb von Sekunden anstatt von Tagen herstellen – und in einem Schritt. Wir haben einen kleinen Reaktor entwickelt, in den oben die Grundstoffe reinfließen und unten das Produkt herauskommt, das dann aufgereinigt werden muss. Anders als bisher ist das ein kontinuierlicher Prozess und der Beweis, dass die Herstellung im Tonnenmaßstab für die industrielle Nutzung möglich und günstig sein wird.

Sie befinden sich gerade im Aufwind: Die Falling Walls Foundation hat Porelio 2026 als eines der erfolgversprechendsten Start-ups bewertet, Sie haben eine Pre-Seed-Finanzierung von 2,4 Millionen Euro eingeworben und sich gleichzeitig im Potsdam Science Park angesiedelt. Warum Potsdam-Golm und welche Zukunftspläne haben Sie hier?

Nach acht Jahren Entwicklungszeit mussten wir aus der Technischen Universität Berlin ausziehen. In Berlin stand nur Adlershof zur Auswahl und wir haben gesehen, dass im Potsdam Science Park Laborflächen frei waren. Wir sind hergekommen und waren sofort Feuer und Flamme. Potsdam ist einfach eine hübsche und grüne Stadt, die auch kulturell viel zu bieten hat. Für uns als Science Startup ist die wissenschaftliche Umgebung des Potsdam Science Parks mit den Fraunhofer-Instituten, den Max-Planck-Instituten und der Universität ideal. Es hätte für uns nicht besser laufen können.

Das Standortmanagement Golm wusste genau, was unsere Bedürfnisse sind, und wir haben uns gleich willkommen gefühlt. Sie organisieren viele Veranstaltungen und verknüpfen die Startups untereinander. Wichtig war uns auch, dass die Labore hier im GO:IN Innovationszentrum voll ausgestattet waren, wir mussten sie nur noch etwas anpassen. Das ist so, als würde man in ein anderes Land ziehen und in eine möblierte Wohnung kommen – man kann gleich loslegen. Auch die technische Beratung war super.

Schwierig war für uns, in Berlin oder Brandenburg Räume für technische Anlagen zu finden, in denen wir unsere Pilotproduktion aufbauen können, um bis 2027 im Tonnenmaßstab zu produzieren – unsere Pilotanlage steht aktuell an einem anderen Ort. Wenn ich mir für Startups in der Hauptstadtregion etwas wünschen dürfte, dann wären das Technikumshallen, damit Ideen hier auch in großem Maßstab in die Anwendungen kommen können. Im Potsdam Science Park werden wir unser Material für die kommerzielle Nutzung im Labor weiter optimieren – Anwendung für Anwendung, von den Edelmetallen bis zu den PFAS. In Zukunft würden wir gerne hier expandieren, weil wir uns sehr wohlfühlen.

Weitere Informationen finden Sie auf der Porelio-Website.

 

Dieser Blog und die von der Standortmanagement Golm GmbH im Potsdam Science Park durchgeführten Projekte werden von der Europäischen Union und dem Land Brandenburg gefördert.

 

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