„Die Wissenschaft macht keine Politik. Sie zeigt Optionen auf“ – Interview mit Prof. Hubert Wiggering

Prof. Hubert Wiggering gehört zu den Umweltexperten in Deutschland, deren Expertise nicht nur in der Wissenschaft gefragt ist, sondern auch bei Politiker:innen Gehör findet. Ein Gespräch mit einem Wissenschaftler der Universität Potsdam, der unter anderem als Generalsekretär des Sachverständigenrats für Umweltfragen und Direktor des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung die Umweltwissenschaften prägte.

Herr Professor Wiggering, teilweise werden Sie als Umweltwissenschaftler oder Agrarwissenschaftler bezeichnet. Bei der Universität Potsdam sind Sie Professor für Geoökologie und Arbeitsgruppenleiter Landwissenschaften. Mit welcher Bezeichnung fühlen Sie sich am wohlsten und warum?

Im Moment fühle ich mich mit der Bezeichnung als Landwissenschaftler gut aufgehoben. Das liegt auch daran, dass dieser Begriff nicht klar definiert und abgegrenzt ist. Ihm fehlt das Spezifische, er hat etwas Übergeordnetes. Und damit fühle ich mich sehr wohl. In meiner Laufbahn habe ich immer wieder versucht, Probleme in größeren Kontexten zu betrachten. Mit dem Begriff der Landwissenschaften versuche ich, eine Klammer herzustellen. Mein Ansatz ist, ganzheitlich zu denken und zu arbeiten. Überall taucht der Begriff Land und die Frage nach dem Umgang mit diesem auf. Und dieses gilt es systemisch zu betrachten. Hier ein neues, umfassenderes Forschungsfeld aufzumachen, sehe ich durchaus als Provokation. Und genau die soll zum Nach- und Neudenken anregen.

Sie haben viele Jahre in der Politikberatung gearbeitet und mischen sich gern politisch ein. Können Sie verstehen, dass sich in unserer komplexen Welt viele Menschen nach klaren Detailantworten sehnen?

Natürlich. Das kann ich gut nachvollziehen. Denn es ist einfacher, mit klaren Antworten umzugehen. Diese Suche nach den Details ist auch tief in der Sozialisierung der Wissenschaft verankert. Wir haben dieses Denken verinnerlicht. Denn wir sind in der Wissenschaft auf das Publizieren getrimmt, und für einen einzelnen Aufsatz dort passt die enge fachliche Tiefe. Ich merke deshalb immer wieder: Je mehr Komplexität ich einfordere, desto mehr fühlen sich die Leute unwohl. Genau deswegen ist es mir wichtig, sie mit den Detailantworten mitzunehmen, ihre Betrachtungen aufzugreifen und sie mit in die Gesamtkontexte hineinzunehmen. Das ist für mich mit einem Orchester vergleichbar. Spielen alle für sich allein, wird es ein heilloses Durcheinander. Erst aufeinander abgestimmt entfaltet das Orchester seine volle Stärke.

Sie begannen Ihre wissenschaftliche Karriere mit einer Dissertation über die „Begrünung von Steinkohlenbergehalden und ihre Wiedereinbindung in die Landschaft“. Was hatte Sie zu diesem Thema gebracht?

Viele Aspekte meines Werdegangs wurden stark von meiner Herkunft geprägt. Ich bin nämlich Emsländer und im Nordwesten Deutschlands aufgewachsen. Das Ländliche ist dort sehr dominant. Dadurch gewinnt man einen anderen Blick auf die Ressourcen vor Ort. Man fragt sich: Was geschieht dort und warum? Das brachte mich dann auch zum Studium der Geologie. Ich stellte mir die Fragen: Welche Landschaft habe ich hier und wie gehen wir mit den Ressourcen um? Das Thema habe ich dann weiterverfolgt. Und wenn man durch das Emsland fährt, fällt einem überall auf, dass die Landschaft gänzlich auf den Kopf gestellt wurde. Da wurden Moore entwässert und Torf abgebaut, Sand und Kies als Baumaterialien entnommen sowie nach Gas und Öl gebohrt. Man wird ständig mit diesen Eingriffen in die Landschaft konfrontiert. Und ich habe mich gefragt, was das mit der Umwelt macht, ob wir adäquat mit dieser umgehen und was wir in unserem Vorgehen verändern müssen. Und im Ruhrgebiet galt es dann, mit den Folgen des Steinkohlenbergbaus umzugehen.

1993 bis 2001 waren Sie Generalsekretär des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU). Wie kamen Sie dazu und was waren für Sie die wichtigsten Anliegen während dieser Zeit?

Eigentlich hatte ich zunächst keine Ambitionen, in die Politikberatung zu gehen. Ich hatte mich allerdings mit Umweltfragen beschäftigt und immer gedrängelt, einen anderen Umgang mit den Ökosystemen zu finden. Mir gab dann ein Fachkollege den Hinweis, mich bei dem Sachverständigenrat zu bewerben, der sich gerade neu aufstellte, um die wissenschaftliche Politikberatung in Richtung Nachhaltigkeit zu forcieren. Ich merkte: Hier wird eine neue Möglichkeit gegeben, sich der Politik anders zu nähern. Ich wollte dann die Aufbruchstimmung der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro nutzen und Neues in die Umsetzung bringen. Also habe ich mich beworben und besagte Stelle erhalten. Meine Devise war dabei immer: Die Wissenschaft macht keine Politik. Aber sie zeigt Optionen auf und schafft Entscheidungsgrundlagen.

Neben Ihrer Tätigkeit als Wissenschaftler und Politikberater verfassen sie seit 2014 zunehmend Bücher für ein breiteres Publikum, in denen sie sich mit der Rolle der Landwirtschaft und ihrer Wahrnehmung in der Bevölkerung auseinandersetzen – zum Beispiel in ihrem Buch Land, Landschaft, Landwirtschaft 2071. Eine Geschichte zwischen Traum und Trugschluss, die gerne eine Fiktion wäre und doch von der Realität eingeholt wird. Was brennt Ihnen bei diesem Thema so unter den Nägeln?

Ich hatte den Eindruck, dass uns der gesellschaftliche Diskurs über die Landwirtschaft verlorengegangen ist. Hier gibt es so viele Entwicklungen und wir benötigen eine neue Sensibilisierung für das Thema. Landwirte sind für die Ernährungssicherung zuständig, müssen dabei aber auch gleichzeitig Umweltbelange im Blick halten und sollen möglichst klimaneutral produzieren. Diese Zusammenhänge sind uns viel zu wenig bewusst. Als ich dann 2014 nach mehrjähriger Leitung des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg nach Potsdam an die Universität zurückkehrte, zog es mich wieder stärker in Richtung Politikberatung. Aus meiner Zeit als Leiter des ZALF brachte ich zudem den Wunsch mit, Dinge anders zu machen als bisher. Ich trug den Gedanken in mir, mit meinen Fragestellungen ein breiteres Publikum zu erreichen.

Was macht aus Ihrer Sicht das Thema Landwirtschaft so komplex und wie haben Sie sich dem Thema in Ihren Büchern genähert?

Beispielsweise ist hinlänglich bekannt, dass die Landwirtschaft durch die Nutztierhaltung Treibhausgase freisetzt und so wesentlich zur globalen Klimaerwärmung beiträgt. Durch die Art der Nutztierhaltung und der Fütterung der Tiere kann man aber durchaus zur Minderung besagter Treibhausgasemissionen beitragen, zum Beispiel indem wir Kühe als Rauhfutterverwerter wieder mehr mit Gras füttern und grundsätzlich mehr einheimische Früchte verfüttern. Dann gilt es aber auch gleich ein Grünlandmanagement mitzudenken und zu überlegen, welche Früchte dafür angebaut werden müssen. Das hat neben der Klimafragestellung auch mit Fragen des Tierwohls zu tun, sodass einem die Komplexität der Fragestellung unmittelbar ins Auge springt. Und weil ich ein breiteres Publikum ansprechen wollte, habe ich versucht, mich dem Thema erzählerisch zu nähern. Darum habe ich mir die Frage gestellt, wie Landwirtschaft möglicherweise 2071 aussieht. Das Buch sollte einen Anreiz geben, sich mit dem Thema zu befassen, aber auch unterhaltsam sein. Und ich wollte die Botschaft mitgeben: Lasst die Landwirte und Landwirtinnen nicht allein, wenn wir eine Landwirtschaft wollen, die den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht wird.

Seit 2001 sind Sie Professor für Geoökologie an der Universität Potsdam. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag in Potsdam-Golm / im Potsdam Science Park?

Ich erinnere mich in der Tat noch gut an diesen Tag. Ich kam in Potsdam-Golm an und sah viele alte Gebäude mit einem gewissen maroden Charme. Es gab noch sehr viel freie Fläche, und es war weit entfernt von dem, was wir heute als Potsdam Science Park erleben. Dieser Charme war das Prägende. Aber ich hatte damals schon den Eindruck, dass viele Dinge angeschoben wurden.

Wie haben Sie den Wandel des Potsdam Science Park beobachtet?  

Heute hat der Standort zweifelsohne ein total anderes Erscheinungsbild. Die Veränderungen konnte ich besonders deutlich sehen, weil ich durch meine Berufung an das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) oft in Müncheberg, also nicht stetig in Potsdam-Golm war. Somit sprangen mir die Veränderungen natürlich besonders ins Auge. Es wuchs ein Campus. Und dieser signalisierte den Besucher:innen: Hier entsteht etwas Besonderes. Das spürte man auch als Wissenschaftler. Neue Kompetenzen haben sich angesiedelt, es kam mehr fachliche Breite wie auch zusätzliche fachliche Tiefe hinein. Diese stehen hier gebündelt zur Verfügung. Das ist großartig. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass daraus noch mehr Synergien erwachsen.

Sie haben Geologie in Münster studiert, waren unter anderem Adjunct Professor in Harvard, hatten eine außerordentliche Professur in Mainz und sind nun seit 2001 Professor an der Universität Potsdam. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an dem Standort?

Der Potsdam Science Park hat den Vorteil, dass das Zusammenspiel der Akteure und Akteurinnen mit den Institutionen schon durchaus gut funktioniert. Der Prozess läuft anders als an anderen, etablierteren Forschungsstandorten. Dort gibt es mitunter viele festgetretene Pfade. Man beruft sich sehr auf die eigenen Traditionen. Zwar atmet man den Campusgedanken regelrecht ein, aber Campusstrukturen führen nicht per se zu einem Zusammenspiel, dies muss gewollt und erarbeitet werden. Und es birgt die Chance, Dinge auch mal anders zu machen. Durch das Neue, die ständigen Veränderungen und den Austausch zwischen den Instituten und Unternehmen, hat der Potsdam Science Park hier eindeutige Vorteile, mögliche neue Wege zu gehen.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Nach dem kommenden Sommersemester steige ich ja aus dem aktiven Dienst aus, wie es so schön heißt. Das bedeutet für mich aber nicht, dass ich mich nur noch den schönen Dingen des Lebens widme. Das tue ich jetzt auch schon. Ich werde aber auf jeden Fall meine Leidenschaft für Musik und Kunst weiterverfolgen. Das lässt sich auch durchaus mit dem Thema Wissen und Transfer verbinden. So habe ich zum Beispiel Ackerkonzerte organisiert, bei denen wir Sensoren an Pflanzen gelegt haben. So lassen sich chemische und physikalische Prozesse in den Pflanzen mittels Synthesizer als elektronische Klänge hörbar machen. Da lässt sich wunderbar improvisierte Musik draufsetzen. So kommen wir mit dem Publikum auf andere Art ins Gespräch und schaffen neue Wege, Themen greifbar zu machen. Oder ich plane eine Reihe mit dem Titel „Moore hören“. Moore sind ein wichtiges Thema im Klimakontext: Wieder vernässt, können sie in besonderer Weise langfristig Kohlenstoff binden. Bei der Wiedervernässung werden wir auch Sensoren einsetzen, um den Vorgang akustisch erlebbar zu machen. Ansonsten wünsche ich mir, dass wir aus diesem furchtbaren Krieg in der Ukraine lernen und unser Umfeld auch im Potsdam Science Park als Schmelzpunkt der Nationen verstehen und versuchen, die Kultur des Miteinanders weiterhin auszubauen.

Herr Prof. Wiggering, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Dieser Blog und die Projekte der Standortmanagement Golm GmbH im Potsdam Science Park werden aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Landes Brandenburg finanziert.

Bildnachweis: Prof. Hubert Wiggering © Universität Potsdam